Weinanbau in und um Dietkirchen

Wie und woher kam eigentlich der Wein nach Deutschland? Wann und wie kam er an die Lahn?

Wie bei vielen Dingen standen auch hier die Römer Pate, die den Wein vor über 2000 Jahren im deutschsprachigen Raum einführten. Man geht davon aus, dass es der Bequemlichkeit geschuldet war, dass man Wein in den von den Römern besetzten Gebieten selbst anbaute, statt sich den Wein in großen und schweren Amphoren in diese Gebiete transportieren zu lassen. Es wird davon ausgegangen, dass die Verbreitung des Weinbaues vom Rhein-Main-Gebiet über das Limburger Becken an die Lahn kam und nicht über den Mittelrhein, wie es vielleicht eher zu vermuten wäre.

Als Beleg dafür sieht man urkundliche Erwähnungen mit Hinweis auf Weinbau z.B. in einer Schenkungsurkunde Karls des Großen an die Abtei Prüm aus dem Jahre 790, einer Urkunde von Schiesheim aus dem Jahre 879 oder einer Urkunde von Oberneisen aus dem Jahr 958.

In der Gegend direkt in bzw. um Dietkirchen ist der Weinbau ebenfalls schon relativ früh urkundlich erwähnt. So gibt es zahlreiche Urkunden, in denen Weinberge oder Weingärten in Dietkirchen oder an den Grenzen zu Dietkirchen benannt sind.

Der wahrscheinlich bekannteste älteste Hinweis auf Weinbau in Dietkirchen ist in einer Urkunde aus dem Jahre 1293 zu finden. In dieser vermacht Gerhard, Kustos des Stifts Dietkirchen, die Hälfte des fast einen Morgen ausmachenden Weingartens, den er und C(onrad), sein Gefährte und Tischgenosse (‘socius et commensalis’), mit gemeinsamen Arbeiten und Ausgaben gepflanzt haben, dem Altar der heiligen Jungfrau Katharina im St. Lubentiusstift (HHStAW Bestand 19 Nr. U 5).

Eine weitere der ältesten bisher bekannten Beurkundungen ist aus dem Jahr 1298 (HHStAW Bestand 40 Nr. U 34), in der Wigand von Kreuch und seine Frau einem Altar der Limburger Kirche u.a. den “…oberen Weinberg jenseits der Brücke auf dem Berg nach Dietkirchen…” testamentarisch vermachen.

Drei Urkunden aus dem Jahr 1327 (HHStAW, 19, U 16, HHStAW, 19, U 16a, HHStAW, 19, U 17) beziehen sich auf eine Widmung des Kaplan Rorich an den Altar der heiligen Jungfrau Katharina im Stift Dietkirchen, in dem diesem Altar neben anderen Gütern auch die Weingärten des Kaplans in Dietkirchen vermacht werden. 

1332 wird beurkundet, dass die Brüder Heinrich und Enolf zu Dietkirchen vom Grafen Emicho von Nassau und dessen Gemahlin Gräfin Anna einen Weingarten bei Dietkirchen in Pacht erhalten haben (HHStAW Bestand 115 Nr. U 28).

Ritter Friedrich Frei von Dehrn und seine Frau Alheid kaufen 1352 die zwischen Dietkirchen und Limburg gelegenen Weingärten (HHStAW Abt. 170 I Nr. 441).

Dekan Heinrich von Elz gelobt 1366, die Korngülte des Stifts Dietkirchen an dem Hof zu Steeden abzulösen. Er hatte den Hof an Johann von Attendorn, Kanoniker und Kustos zu Dietkirchen verkauft. Als Unterpfand für die Ablösung der Gülte wurde ein Weingarten an der Grenze der Gemarkung Dietkirchen eingesetzt (HHStAW Bestand 19 Nr. U 52).

Johannes von Attendorn, Kanoniker und Thesaurar des St. Lubentiusstifts zu Dietkirchen, vermacht am 2. Juli 1387 seinem Verwandten (‘cognato’) Johannes 1/2 Morgen (‘iurnale’) Weingarten auf dem Berge ‘Burgheym’ bei Tylo, ohne die Zinse, auf Lebenszeit. Nach dessen Tod soll der Weingarten, auch ohne die Zinse, dem St. Michaelsaltar zu Dietkirchen gehören (HHStAW Bestand 19 Nr. U 79, HHStAW Bestand 19 Nr. U 79 a, HHStAW Bestand 19 Nr. U 79 b).

Im Jahre 1389 vermachen  Gernant Fischer von Limburg und seine Frau Nese dem St. Johannesaltar im Stift Dietkirchen den Weingarten an dem Burgheim zu Dietkirchen, der an dem Präsenzweingarten jenes Stifts liegt (HHStAW Bestand 19 Nr. U 82).

Eckart von Dietkirchen, Vikar am Andreasaltar am Stift Dietkirchen, verkauft  1398 dem Dekan und den Kanonikern und Vikaren des Stiftes Dietkirchen 1 Malter Korngülte und setzt als Unterpfand u.a. 1/2 Morgen Weingarten zwischen dem Weingarten unserer Lieben Frau und dem Weingarten von St. Maria Magdalena auf der Mauer (HHStAW Bestand 19 Nr. U 86).

Am 23. Juni 1451 verleiht der Vikar des Altars St. Andreas Johann von Heimbach zusammen mit dem Vikar des Altars St. Trinitas einen beiden Altären gemeinsam gehörenden Weingarten zu Dietkirchen (Str 2 S. 110 Nr. 218).

1479 verlehnen Kunigunde ‘Frau’ zu Beselich und der Konvent ihren Weingarten zu Dietkirchen, der Nonnnenberg genannt ist, an einen Ludwig Fanter aus Dietkirchen auf 15 Jahre gegen 1/3 des Ertrages. (HHStAW Bestand 13 Nr. U 69).

Die Vikarie des Altars St Katharina besitzt gemäß einem Salbuch von 1549 u.a. einen Garten nebst Hofstätte in der Dorfmitte und noch zwei Gärtchen und 2 Flecken Driesch, ehemals Weingarten, zu Dietkirchen (Struck, Das Stift St. Lubentius in Dietkirchen, 1986, S. 145). Auch der Altar St. Maria Magdalena besitzt gemäß diesem Salbuch u.a. vier z. T. desolate Weingärten, die 12 Alb. Gülte geben (Struck, Das Stift St. Lubentius in Dietkirchen, 1986, S. 149).

Die Vikarie St. Petrus hat um 1569 an Einkünften 7 ½  MI. Korn, 1 MI. Hafer und 1 fl. 6 Alb. und besitzt zwei vernachlässigte und unbebaute Weinberge (Struck, Das Stift St. Lubentius in Dietkirchen, 1986, S. 155).

Das Ergebnis des Weinanbaus, der Wein selbst, wurde in vielfacher Hinsicht verwendet. So wurde er natürlich als Messwein genutzt, aber auch als Zahlungsmittel und für den normalen Verbrauch eingesetzt. In der Deutschen Weinzeitung vom 1. Oktober 1880 heißt es beispielweise, dass die Qualität des Weines schon in der Limburger Chronik des Tilemann Elhen von Wolfenhagen beschrieben wurde als “redlich zu trinken” bis hin zu “er sei sauer gewesen und schmecket als Saft von Holz-Äpfeln”.

Die Bevölkerung Dietkirchens, die bis ins 19. Jahrhundert wohl überwiegend aus Bauern und Taglöhnern bestand, dürfte im 18. bzw. spätestens 19. Jahrhundert den Weinanbau stark reduziert haben, da der Anbau von Weizen und Kartoffeln und anderen Feldfrüchten wohl lukrativer war, als der Weinanbau. Weiterhin führte auch die beginnende Industrialisierung dazu, dass man auch in anderen Berufen statt als Bauer sein Auskommen finden konnte. Das Stift hatte anscheinend auch immer weniger lokale Handwerker zu beschäftigen.

Der Weinanbau scheint damit ab dieser Zeit in Dietkirchen in Vergessenheit geraten zu sein.

Seit einigen Jahren allerdings, genauer gesagt, seit 1998 stimmt dies nicht mehr so ganz. In diesem Jahr kamen einige Männer der Kirchengemeinde von Dietkirchen auf die Idee, dass man doch die Terrassen auf der Süd-West-Seite der Kirche für einen Weinanbau nutzen könnte. Auf diesen Terrassen standen die ehemaligen Stiftsgebäude, die überwiegend wohl im dreißigjährigen Krieg zerstört worden waren und von denen nur teilweise noch die Grundmauern vorhanden blieben.
Diese Terrassen wurden bis ca. Mitte des 20 . Jahrhunderts als Kinderfriedhof genutzt, der Bereich oberhalb der Terrassen wurde ebenfalls bis in diese Zeit als normaler Friedhof genutzt.
Für das Projekt Weinanbau auf den Terrassen musste das Gelände, das in den letzten Jahren stark verwildert war,  erst einmal von Hand gerodet werden, da der Einsatz von Maschinen dort nicht möglich war.

Bei der Suche nach einer geeigneten und robusten Rebe stieß man auf die Rebsorte “Regent”. Ihr sagt man nach, dass sie vor allem robust gegen Frost und Pilzbefall sein soll. Die Rebsorte “Regent” wurde erst 1967 aus der weißen Rebsorte Diana, die selbst eine Kreuzung zwischen Silvaner und Müller-Thurgau ist und der roten Rebe Chambourcin gekreuzt. Der Name Regent nimmt Bezug auf den berühmten 140,5 Karat Diamanten aus Indien, den Ludwig XV auf seiner Krone, Marie-Antoinette als Schmuckstück und Napoleon als Degenknauf trugen und der zu seiner Zeit der größte Diamant der Welt war. Erst 1993 war der Rebsorte Regent der Sortenschutz erteilt worden, 1995 erhielt die Rebe die deutsche, ein Jahr später die europäische Sortenzulassung. 1996 erfolgte auch die Klassifizierung zur Qualitätsweinproduktion.

Der Regent ist bekannt dafür, dass er sehr hohe Mostgewichte erreichen kann, die in guten Lagen zwischen 80° und 85° Öchsle erreichen können und damit auch den Spätburgunder übertreffen können. Aufgrund der nicht allzu stark ausgeprägten Säure wirkt der Wein sehr mild und überzeugt doch durch eine große Fülle. Als tiefroter, fast schwarzer Rotwein wird er oft geschmacklich mit dem Merlot verglichen. Weinkenner schmecken und riechen den Duft von Kirsche, Johannisbeere und Cassis und bestätigen ihm damit ein sehr körperreiches und duftendes Bukett, das damit eher an südländische Weine erinnert.

Der kalkhaltige Boden auf den Terrassen der Lubentiuskirche zusammen mit der Wärme, die von den Mauern der Kirche gespeichert und langsam an die Reben wieder abgegeben wird, sorgen dafür, dass die Reben während ihrer Reife alles bekommen, was für einen guten Wein als Voraussetzung gilt.

Die dann im Sommer 1998 gepflanzten Rebstöcke wurden auch von Bischof Kamphaus –  der zur Firmung in Dietkirchen war – gesegnet. Im Herbst des Jahres 2000 fand dann zum ersten Mal die Weinlese statt, der Ausbau des Mostes fand und findet bis heute dann durch einen Winzer statt.

Seitdem gibt es Jahr für Jahr den “Lubentius-Ley”, wie der Wein benannt wurde. Ley ist ein altes Wort für Felsen oder Klippe. Geerntet werden zwischen 300-400 kg Trauben, was dann in etwa auch 300-400 Flaschen Wein entspricht.

Hauptsächlich wird der Wein für den Gottesdienst als Messwein genutzt. Auch dies ist Bischof Kamphaus zu verdanken, der die Erlaubnis gegeben hat, diesen Wein als Messwein nutzen zu dürfen,  werden doch gemeinhin nur Weissweine als Messwein genutzt.

Bei besonderen Anlässen wird der Wein auch einmal verschenkt, zu kaufen ist er leider nicht. Wer den Wein probieren möchte, muss sich bis zum alle drei Jahre stattfindenden Dietkircher Maat gedulden, bei dem der Wein gegen eine Spende ausgeschenkt wird. 

Dem Lubentius-Ley wird auch in folgendem Gedicht gedacht, der Verfasser dürfte der ehemalige Pfarrer Alois Staudt gewesen sein.:

Für den Wein Lubentius-Ley,
benötigt man der Dinge drei:
Das Erste kann von fern man seh ́n,
den Berg auf dem die Reben stehn.
Das Zweite bleibt oft unerkannt,
die Helfer, die mit fleiß ́ger Hand,
die roten Trauben sorgsam hegen,
damit dann, drittens mit Gottes Segen,
der das Werk zusammen bringt,
ein wirklich guter Wein gelingt.